Milieutherapie

Wohngruppenvollzug und Milieutherapie

Unter Milieutherapie wird die Strukturierung und Lenkung der alltäglichen Lebens- und Lernfelder nach wissenschaftlichen Prinzipien der Verhaltensmodifikation und Kriminaltherapie verstanden.

Zu den alltäglichen Lebens- und Lernfeldern gehören die Unterbringung in Form des Zusammenlebens auf einer Wohngruppe an sich, der Umgang mit vollzuglichen und sozialen Regeln, sozialpädagogische wie auch freizeitpädagogische Maßnahmen, schul-, berufs- und arbeitsbezogene Maßnahmen und die Begleitung alltäglicher Vorgänge wie Außenkontakte, finanzielle Maßnahmen und vollzugsöffnende Maßnahmen.

Der Schwerpunkt der Milieutherapie liegt in der Wohngruppenarbeit und Alltagsbegleitung:

Das Behandlungsteam und insbesondere die zuständige Wohngruppenleitung (Sozialdienst) begleiten den Insassen in allen wesentlichen Bereichen und können über den Aufbau einer tragfähigen Arbeitsbeziehung problematisches Verhalten bereichsübergreifend beobachten und beeinflussen. Es entstehen unter diagnostischer Perspektive valide Einschätzungen des Insassen aufgrund kleiner Beobachtungsabstände, und es können unter sozialtherapeutischer Perspektive die Möglichkeiten von hochwirksamen Verhaltensmodifikationen durch geringe Verstärkerabstände sowie des Lernens am Modell genutzt werden.

Der milieutherapeutische Ansatz setzt eine effiziente Teamarbeit voraus. Eine therapeutische Wirkung der Interventionen kann nur erreicht werden, wenn die Teammitglieder im Sinne der Behandlungsplanung einheitliche Ziele in Bezug auf einen Insassen verfolgen.

Damit ist der Austausch der Teammitglieder in Teamsitzungen und Fallbesprechungen ein zentrales Element milieutherapeutischer Behandlungsarbeit. In diesen Besprechungen werden Beobachtungen zusammengetragen und ausgewertet. Basierend auf der These, dass sich überdauernde problematische Interaktionsmuster, die zu Straffälligkeit beigetragen haben, auch im Vollzug zeigen werden, entsteht ein valides Bild des Insassen und seiner problematischen Interaktionsmuster. Behandlungsziele und Umgehensweisen für konkrete Situationen werden gemeinsam erarbeitet. Ziel ist dabei immer, beim Insassen eine überdauernde Verhaltensänderung in denjenigen Bereichen zu erzielen, die einen Einfluss auf seine Rückfallgefährdung haben.

Die Wirkfaktoren von Milieutherapie sind komplex und vielfältig und im Einzelnen schwer zu identifizieren. Die folgende Aufzählung enthält einige wesentliche, aber sicher nicht alle Wirkfaktoren von Milieutherapie:

  • Realitätstherapie:
    Kennen lernen eines strukturierten Tagesablaufs, angemessener sozialer Interaktionen etc.
     
  • Verstärkerpläne
    Die Struktur des Settings wird so gewählt, dass sie erwünschte Verhaltensweisen verstärkt und unerwünschte löscht.
     
  • Lernen am Modell:
    Exemplarisches Verhalten des Behandlungsteams bzw. der Bediensteten, die mit dem Insassen befasst sind.
     
  • Üben/Trainieren:
    Neu erarbeitete Verhaltensweisen können mit abgestuften Schwierigkeitsgraden geübt und trainiert werden.
     
  • Verständnis erlernen:
    Reflexion über Situationen und Verhaltensweisen mit dem Behandlungsteam
     
  • Kompetenzerwerb:
    Soziale Kompetenzen, schulische und berufliche Kompetenzen, Sport, Hobbys, kognitive Kompetenzen wie Strukturierung, Problemlöseprinzipien etc.

Milieutherapie ist ein verhaltensorientiertes Konzept, das auf die Defizite und prosozialen Ressourcen insbesondere des dissozialen Klientels wirkungsvoll eingeht (Ansprechbarkeitsprinzip). Mit dem milieutherapeutischen Ansatz werden die folgenden sozialtherapeutischen Ziele verfolgt:

Diagnostische Ziele:

  • Alltägliche Verhaltensbeobachtung, Abbildung von Verläufen
  • Informationen zur Ausdifferenzierung des Persönlichkeits- und Kriminalitätsmodells
  • Beobachtbarkeit kriminogener Verhaltensmuster (Risikofaktoren) im Alltag
  • Beobachtung der Bewährung neu aufgebauter Kompetenzen in Situationen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden

Behandlerische Ziele:

  • Verbesserung der sozialen Kompetenz
  • Korrektur problematischer sozialer Interaktionsmuster
  • Persönliche und soziale Verantwortungsübernahme
  • Förderung der Behandlungsmotivation
  • Förderung der Introspektionsfähigkeit
  • Internale Attribution (Erkennen von eigenen Anteilen an Problemen)
  • Interne Repräsentation sozialer Normen und Regeln
  • Training der Fähigkeit zum Einhalten sozialer Normen und Regeln
  • Training von Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltevermögen
  • Steigerung des Leistungsvermögens
  • Training der Fähigkeit, Ziele zu formulieren und langfristig zu planen
  • Fähigkeit zur Antizipation langfristiger Konsequenzen eigenen Verhaltens
  • Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit Geld

Neben dem milieutherapeutischen Behandlungsansatz existiert ein umfangreiches individualtherapeutisches Angebot in den Bereichen psychologische Beratung, psychologisch-psychotherapeutische Einzeltherapie sowie gruppentherapeutische Maßnahmen. Im Unterschied zum milieutherapeutischen Vorgehen wird die Notwendigkeit dieser Maßnahmen im Einzelfall entschieden, so dass auf der Basis der Individualdiagnostik gezielt spezifische Defizite angegangen und/oder vorhandene Ressourcen gefördert werden.