Geschichte

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Gebäude der JVA Kassel II und Anstaltsgrundriss
Gebäude der JVA Kassel II und Anstaltsgrundriss

Bauliche Entwicklung

Auf dem Grund und Boden der heutigen Strafvollzugseinrichtungen stand ehemals die Domäne Wehlheiden. Hier wurde 1884 das Zuchthaus Wehlheiden errichtet. Auf dem Graß stand eine um 1870 erbaute Windmühle, die im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Auf diesem Gelände, wo heute Graßweg und Windmühlenstrasse zusammentreffen, steht die JVA Kassel II -Sozialtherapeutische Anstalt-.

Die JVA Kassel II wurde als eine Sozialtherapeutische Justizvollzugsanstalt der Sicherheitsstufe I für erwachsene männliche Strafgefangene errichtet und 1981 in Betrieb genommen. Dieser ersten Baustufe mit 60 Haftplätzen folgte im Oktober 1988 die zweite Baustufe mit weiteren 80 Haftplätzen. Eine große Werkhallenerweiterung komplettierte diesen Bauabschnitt.

Als dritter und letzter Bauabschnitt wurde die Sport- und Mehrzweckhalle in den Jahren 1990 bis 1993 errichtet und fertig gestellt.

Im Januar 1988 kam die Abteilung für den Offenen Vollzug mit 25 Haftplätzen hinzu. Ende 2003 wurde die Offene Vollzugseinrichtung Hafenstraße geschlossen.

Bauliche Verhältnisse

Die Anstalt besteht aus zwei Häusern. Haus 1 (1. Baustufe) ist ein dreigeschossiges Unterkunfts- und Verwaltungsgebäude. Haus 2 (2. Baustufe) ist ein viergeschossiges Unterkunftsgebäude. In den Unterkunftsbereichen befinden sich pro Etage jeweils zwei Wohngruppen mit je 10 Haftplätzen einschließlich Nebenräumlichkeiten (ein offener und ein geschlossener Gruppenraum, eine Teeküche, eine Dusche) und das Dienstzimmer der Wohngruppenleitung (Sozialdienst).

Im Haus 2 sind darüber hinaus das Krankenrevier mit Ambulanzräumen, Schulungs- und Unterrichtsräume, die Aula, die Arbeitstherapie und ein Langzeitbesuchsraum untergebracht. In dem Verbindungsbau zwischen den beiden Häusern befinden sich Verwaltungs-, Therapie- und Besuchsräume sowie vom VCC-Nord benutzte Dienstzimmer. Weitere Verwaltungsräume sind im Haus 1 untergebracht. In der Werkhalle befinden sich mehrere Ausbildungs- und Übungswerkstätten und ein Holz verarbeitender Betrieb mit Ausbildung und Produktion. Die Sport- und Mehrzweckhalle bietet alle Voraussetzungen zur Durchführung von Sport- und Kulturveranstaltungen.

Im Schnittpunkt der Wohngruppen befindet sich das Dienstzimmer des allgemeinen Vollzugsdienstes (AVD). Tagsüber sind die Wohngruppen von 06:00 Uhr bis 18:00 Uhr (Montag), von 06:00 Uhr bis 20:00 Uhr (Dienstag bis Freitag) und von 08:00 Uhr bis 16:Uhr (Samstag, Sonntag und Feiertag) offen.

Die Insassen können sich während dieser Zeit im Unterkunftsbereich frei bewegen. Ebenso besteht die Möglichkeit des Kontaktes der Insassen zwischen den Unterkunftshäusern.

Änderung der Klientel

Die Hessischen Ausführungsbestimmungen (HAB) zu § 9 StVollzG schlossen 1981 die Aufnahme von Gefangenen aus, bei denen “ ... die Straftaten auf einer Störung des Geschlechtstriebes beruhen...“. Bei der Behandlung dieser Tätergruppe ging man damals eher von einem medizinisch orientierten Störungsmodell aus. Die ursprüngliche Klientel waren Straftäter, die mehrfach wg. anderer Straftaten inhaftiert waren. Dennoch wurden in den ersten 6 Jahren bis 1987 insgesamt 31 Verurteilte aufgenommen, die wegen eines Sexualdeliktes abgeurteilt waren. Um dem Behandlungsbedarf dieser Tätergruppe gerecht zu werden, wurden die Erfahrungen mit der Behandlung von Sexualstraftätern sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch ausgewertet und in das Behandlungskonzept einbezogen. In der Folge konnten vermehrt Sexualstraftäter aufgenommen werden.
Eine anstaltsinterne Statistik belegt für die ersten 10 Jahre bis 1991 folgende Deliktstruktur:

Tötungsdelikte ca. 18,5 %
Sexualdelikte ca. 19,5 %
Körperverletzungsdelikte ca. 11,5 %
Raub/Erpressung ca. 28,5 %
Diebstahl/Hehlerei ca. 19,0 %
Sonstige Delikte ca. 3,0 %

Mit Änderung der HAB zu § 9 StVollzG (alte Fassung) im Februar 1996 waren keine einschränkenden Bestimmungen für die Aufnahme dieser Tätergruppe mehr enthalten. Dies führte zu einem steigenden Anteil der Aufnahme von Sexualstraftätern. Zusätzlich veränderte sich unter dem Eindruck des im Januar 1998 in Kraft getretenen „Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten“ die Deliktstruktur bei den aufgenommenen Verurteilten erneut.

Die zum Stichtag 1. März eines jeden Jahres erhobenen Daten ergeben ab 1998 folgende Prozentzahlen:

Anzahl der
Insassen (N)
1998 2002 2006 2010 2014 2016 2017
N % N % N % N % N % N % N %
162 100 193 100 139 100 139 100 126 100 133 100 133 100
Sexual-
delikte
39 24,1 73 37,8 64 46,04 72 52,17 72 57,14 79 59,4 77 57,89
Tötungs-
delikte
40 24,7 40 20,7 40 22,78 26 18,84 26 20,63 26 19,55 29 21,8
Körperverl.-
delikte
4 2,5 10 5,2 7 5,04 6 4,35 1 0,8 3 2,26 5 3,76
Raub/ 
Erpressung
48 29,6 48 24,9 11 7,91 19 13,77 18 14,29 16 12,03 16 12,03
Diebstahl/ 
Hehlerei
24 14,8 13 6,7 8 5,76 0 0 0 0 0 0 0 0
Sonstige 
Delikte
7 4,3 9 4,7 9 6,47 16 11,59 9 7,14 9 6,77 6 4,51